Ohne Gnade

                 
 
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Ein Campingausflug im Olympic National Park wird für Warren Harper zum Horrortrip, als seine siebenjährige Tochter Emma nachts spurlos aus dem Zelt verschwindet. Der verzweifelte Vater wendet sich an die Polizei, doch die fahndet gerade nach zwei Mördern, die bei einem Gefangenentransport entkommen sind. In seiner Not bittet Warren die ortsansässige Hundeführerin Angel Burns um Hilfe. Auch wenn Angel spürt, dass Warren ihr Leben durcheinanderwirbeln wird, kann sie sich seiner verzweifelten Bitte nicht entziehen. Gemeinsam mit einem Suchhund brechen sie in die Wildnis auf, nicht ahnend, dass Emma sich längst in den Händen der Verbrecher befindet …


     Leseprobe         


Prolog


Angespannt blickte Damon Thomas auf die Landschaft, die an der getönten Scheibe des Transportbusses vorbeiflog, auch wenn er sie in der Dämmerung kaum noch erkennen konnte. Schon lange war er den Wäldern der Olympic Peninsula nicht mehr so nahe gekommen. Was würde er darum geben, einfach darin eintauchen zu können! Fast meinte er einen Hauch des Fichtenduftes wahrzunehmen, während sie die gewundene Straße entlangfuhren, doch das musste Einbildung sein. Sämtliche Fenster waren mit Panzerglas versehen und fest verschweißt. Es gab kein Entkommen, so sehr er sich das auch wünschte.
    Widerwillig löste er seinen Blick von der Landschaft und betrachtete den zweiten Häftling, der mit ihm nach Seattle transportiert wurde. Damon hatte sich im Clallam Bay Corrections Center darum bemüht, Russell Davis möglichst aus dem Weg zu gehen. Und das lag nicht an dessen kahlrasiertem Kopf, den durch rigoroses Training aufgepumpten Muskeln oder daran, dass er ein verurteilter Mörder war, sondern an Russells Faible für Gewalt. Seit er vor einem Dreivierteljahr im Gefängnis angekommen war, hatte er es sich zum Ziel gemacht, möglichst viele Kämpfe zu beginnen. Das war auch der Leitung nicht entgangen, und sie hatten Russell in Einzelhaft gesteckt. Nicht dass ihn das davon abhielt, die anderen Gefangenen zu schikanieren.
    Mehr als einmal waren in der Dusche und anderen Gemeinschaftsräumen übel zusammengeschlagene Männer entdeckt worden, die allesamt behaupteten, nicht zu wissen, wer ihnen das angetan hatte. Aber es zweifelte niemand daran, dass sie Russell zum Opfer gefallen waren. Vorher war es in der Haftanstalt zwar auch nicht völlig gewaltfrei zugegangen, doch für die dort Einsitzenden würde es eine große Erleichterung sein, wenn Russell nicht mehr zurückkehrte. Damon hatte keine Informationen darüber, aber vielleicht war es jetzt endlich so weit. Als hätte er seinen Blick auf sich gespürt, drehte der Mörder sich nun langsam zu ihm um, was Damons Puls in die Höhe schießen ließ.
    Russell hob die Augenbrauen und grinste ihn provozierend an. »Willst du was von mir, Kleiner?«
    Stumm schüttelte Damon den Kopf und wandte sich wieder dem Fenster zu. Es war immer klug, Russells Bemerkungen zu ignorieren. Und »Kleiner« war geradezu lächerlich, wenn man bedachte, dass Damon einige Jahre älter war als Russell und auch bestimmt fünfzehn Zentimeter größer. Im Vergleich zu Russells Muskelbergen war er allerdings eher schlank gebaut und würde bei einem Kampf sicher den Kürzeren ziehen. Glücklicherweise musste er es nicht darauf ankommen lassen, denn sie waren beide mit Hand- und Fußschellen an die Sitze gekettet und ein Wachmann ließ sie nicht aus dem Blick. Jenseits des vergitterten Abteils saßen zwei weitere bewaffnete Wächter und ein FBI-Agent aus Seattle, die Fahrerkabine des Transporters war mit zwei Männern besetzt.
    Damon lehnte die Stirn gegen die Scheibe und starrte in die zunehmende Dunkelheit, während sie die schmalen Straßen entlangfuhren. Nur selten kam ihnen ein Wagen entgegen, die meisten Touristen hatten den Olympic National Park bereits verlassen, um zu ihren Unterkünften zu fahren, oder vergnügten sich auf den Zeltplätzen. Es war lange her, seit er hier Urlaub gemacht hatte, die letzten drei Jahre hatte er eingesperrt im Hochsicherheitsgefängnis Clallam Bay verbracht. Dort hatte er von seinem Fenster aus einen Blick über die Juan-de-Fuca-Meerenge auf die häufig von Nebel eingehüllte Küste von Vancouver Island, aber den gemäßigten Regenwald im Inneren der Halbinsel oder die Olympic Mountains hatte er zuletzt bei seiner Ankunft gesehen. Auch damals war es dunkel gewesen, und die Verzweiflung hatte ihn fest im Griff gehabt.
    Die Erinnerungen drohten Damon wieder zu verschlingen, doch er kämpfte dagegen an. Alles war besser als der immer gleiche Trott im Gefängnis. Hier im Wagen konnte er fast die Freiheit spüren, auch wenn es nur eine Illusion war. Früher hatte er sich in jeder freien Minute in der Natur aufgehalten und es geliebt, sich von allem Menschengemachten zu entfernen. Im Gefängnis starb er innerlich jeden Tag ein wenig mehr ab, bis er irgendwann nur noch eine leere Hülle sein würde. Wie sollte er es ertragen, noch zweiundzwanzig Jahre dort zu verbringen?
    Damon presste die Handfläche an die kühle Scheibe und wünschte sich, der Transportbus wäre nicht klimatisiert. Er sehnte sich danach, ungefilterte Luft einzuatmen, eine Brise auf seinem Gesicht zu spüren. Aber das würde er wohl erst, wenn er in Seattle ausstieg. Aus dem Augenwinkel sah er etwas Helles im Scheinwerferlicht auftauchen. Ohne Vorwarnung riss der Fahrer das Lenkrad herum, der Wagen bewegte sich scharf zur Seite. Damon verlor den Halt auf der Sitzbank und rutschte in Richtung des Mittelgangs. Die Kette der Handschellen straffte sich, bis er nur noch daran hing. Schmerz schoss durch seine Handgelenke, als das Metall ins Fleisch biss.
    Reifen quietschten, der Motor heulte auf. Die Wachmänner schrien durcheinander, auch sie waren von ihren Sitzen gerutscht und versuchten, sich wieder aufzurappeln, doch die Fliehkräfte hinderten sie daran. Der Wagen schleuderte in die andere Richtung, und Damon stieß mit dem Kopf schmerzhaft an die Kante der Sitzlehne vor ihm. Für einen Moment sah er nur schwarze Punkte, doch bevor er sich von dem Schlag erholen konnte, geriet die gesamte Welt um ihn herum aus den Fugen. Damon schaffte es gerade noch, sich am Sitz festzuhalten, als sich der Wagen noch weiter zur Seite neigte und dann umkippte. Ein Stück schlitterte er über den Asphalt, und Damon hing wie eine Schweinehälfte an der Stange, dann überschlug sich der Transporter erneut.
    Schreie ertönten, als die Männer durcheinanderfielen, ein Sitz riss sich aus der Verankerung und stürzte auf einen Wachmann. Damon stürzte auf den Boden zurück – oder vielmehr die Decke –, seine Arme zum Zerreißen gespannt, weil sie immer noch an die Sitzlehne vor ihm gefesselt waren. Das Licht flackerte und ging dann ganz aus. Eine schwache Notbeleuchtung blinkte grünlich. Blut lief ihm in die Augen, und er wischte mit dem Gesicht über seinen Ärmel. Hoffentlich wurde er schnell aus dieser unbequemen Situation befreit, denn allzu lange würden seine Arme das nicht mehr mitmachen. Wenigstens war die Kette an seinen Beinen lang genug, sodass er nicht ganz in der Luft hing.
    Aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung. Russell war ebenfalls von seinem Sitz geschleudert worden, doch offensichtlich war bei ihm die Stange zerbrochen, an der seine Handfesseln befestigt waren, und er konnte sich besser bewegen. Der Wachmann, der mit ihnen im Abteil gewesen war, lag benommen einige Meter entfernt. In dem schwachen Licht konnte Damon nicht sehen, wie schwer er verletzt war. Im vorderen Bereich des Wagens herrschte großes Durcheinander.
    Flüche erklangen und ein furchtbares metallisches Kreischen. Dann endlich kam der Wagen mit einem Ruck zum Stehen. Damon pendelte nach vorn und stieß sich das Knie an etwas Hartem. Für einen Moment herrschte völlige Stille. Ein Stöhnen erklang, gefolgt von einem Knirschen. Erneut ein Fluch, gleich darauf krachte etwas. Auf der Suche nach etwas, das ihm behilflich sein könnte, irrte Damons Blick durch den Wagen. Der Druck auf seine Handgelenke wurde langsam unerträglich.
    Russell richtete sich langsam auf, in der Hand hielt er ein Stück Metall. Ohne zu zögern, bewegte er sich auf den Wachmann zu, der immer noch am Boden lag. Seine Absicht war völlig klar. Kein Zeichen von Reue war auf Russells Gesicht zu erkennen, als er zuschlug. Ganz im Gegenteil, Hass und Rachedurst standen deutlich sichtbar in seiner Miene. Noch einmal schlug er zu, dann durchwühlte er die Taschen des bewusstlosen Wärters. Mit einem triumphierenden Grinsen zog er einen Schlüsselbund heraus und entledigte sich seiner Hand- und Fußschellen. Danach bewegte er sich weiter zum vorderen Teil des Wagens.
    Keines der schuss- und bruchsicheren Fenster war zerborsten, sonst wäre Russell vermutlich schon längst verschwunden. So aber war der einzige Ausgang die Tür in dem Metallgitter, das die Gefangenen vom Wachpersonal trennte. Der Schlüssel des Wachmanns war jedoch nicht für die Tür gedacht, wie der Mörder schnell merkte. Sie ließ sich nur von außen öffnen. Auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit ließ Russell seinen Blick durch den Wagen wandern. Ihre Augen trafen sich für einen Moment, dann salutierte ihm Russell spöttisch und wandte sich wieder um.
    Das schlechte Gefühl in Damon verstärkte sich, als er sah, wie Russell etwas vom Boden aufhob. Doch diesmal war es kein Metallrohr, sondern eine Pistole. Einer der Wachleute musste sie verloren haben, und sie war während des Unfalls unter dem Gitter hindurchgerutscht. Russell entsicherte die Waffe und hielt sie dann durch die Metallstäbe.
    »Öffnen Sie die Tür, wenn Sie nicht sterben wollen.«
    Der angesprochene Wachmann starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und schien unfähig, sich zu rühren. Eine seltsame Stille herrschte, die gleich darauf von einem Schuss zerrissen wurde. Der Mann sackte in sich zusammen.
    Für Russell schien es völlig normal zu sein, einen Menschen zu erschießen. Jedenfalls war keinerlei Bedauern in seinem Gesicht zu erkennen, als er sich noch einmal kurz umdrehte. »Okay, versuchen wir es noch mal. Entweder es öffnet sofort jemand diese verdammte Tür, oder ich schieße euch einen nach dem anderen ab.«
    Erneut zerrte Damon an seinen Fesseln, konnte sich jedoch noch immer nicht befreien. Das Herz hämmerte in seiner Brust, Adrenalin jagte durch seinen Körper. Wenn er nicht irgendetwas unternahm, würde Russell jeden töten, der ihm im Weg war – ihn selbst eingeschlossen.
    »Nein, nicht …!«
    Ein Klacken ertönte, und der Ruf des Agenten verstummte, als die Tür nach innen aufschwang. Sofort trat Russell hindurch, beugte sich über den toten Wachmann und nahm dessen Waffe an sich. Dann wandte er sich dem zweiten Wachmann zu, der ihm anscheinend die Tür geöffnet hatte.
    »Danke, das war sehr freundlich. Wenn auch völlig dämlich.« Ohne eine Vorwarnung schoss er, und der Wächter stürzte tot zu Boden.
Damit blieb nur noch der FBI-Agent übrig, der offenbar eingeklemmt war und sich nicht bewegen konnte. Russell hockte sich vor ihn und presste die Mündung der Pistole an die Stirn des Mannes. Agent Curtis war etwa fünfzig und eher schmächtig, er hatte keine Chance gegen Russell.
    »Zu schade, dass Agent Lynch nicht hier ist, ich hatte mich so darauf gefreut, ihn wiederzusehen. Und ich hätte es viel mehr
genossen, ihn zu töten. Ich würde Sie ja bitten, ihm etwas von mir auszurichten, aber leider werden Sie das nicht mehr können.«
    Der Agent hustete. »Denken Sie nicht, dass Sie damit davonkommen, Davis. Gabriel wird Sie fassen, so wie letztes Mal, aber diesmal wird er dafür sorgen, dass Sie nie wieder aus dem Loch herauskommen.« Seine Stimme klang überraschend ruhig dafür, dass eine Pistole auf ihn gerichtet war und er wissen musste, dass er in den nächsten Sekunden sterben würde.
    Russells Rücken versteifte sich. »Niemand wird mich jemals wieder fangen, ich töte jeden, der auch nur in meine Nähe kommt. Ihr habt keine Chance gegen mich.«
    »Das …« Curtis’ Stimme ging in einem lauten Knall unter. Danach herrschte einen Moment lang Stille.
    Damon schloss kurz die Augen, als er sah, dass der Agent zusammengesackt war. Armes Schwein. Er hatte sicher nicht damit gerechnet, dass eine Routineüberführung von zwei Gefangenen so enden würde. Aber wer hatte das schon. Er selbst wollte einfach nur hier raus. Hauptsache der Mörder kam nicht auf die Idee, ihn auch zu töten.
    Angespannt beobachtete Damon, wie Russell die Tür des Transporters öffnete und sich hinausschwang. Hoffentlich würde ihm bald jemand aus dieser unbequemen Position helfen, denn lange hielt sein Körper das nicht mehr aus. Schon jetzt brannten seine Armmuskeln wie Feuer, Blut lief ihm über die Handgelenke und tropfte auf ihn herunter, wenn er sich bewegte. Damon zuckte zusammen, als er draußen weitere Schüsse hörte.
    Einige Sekunden später kletterte Russell wieder in den Wagen. Er warf Damon einen kurzen Blick zu, dann nahm er den toten Männern die Waffen ab und richtete sich wieder auf. Damon lief ein Schauer über den Rücken, als Russell auf ihn zu
einkam.
    Verdammt, er wollte nicht sterben, nicht jetzt und nicht so. Und erst recht nicht durch die Hand dieses Verbrechers. Da er sich kaum bewegen konnte, hob er nur das Kinn und blickte Russell direkt in die Augen. Im Gefängnis hatte er gelernt, seine Angst nie zu zeigen.
    Russell grinste ihn an. »Ziemlich unbequeme Position, was?« Damon schwieg, was den Mörder dazu veranlasste, ihm die Hand auf die Schulter zu legen. Der Druck belastete seine sowieso schon schmerzenden Schultergelenke zusätzlich, und Damon spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Die Lippen fest zusammengepresst versuchte er den reißenden Schmerz zu ignorieren. »Dumm gelaufen, dass du hier hängst und ich frei bin.« Mit dem Lauf der Pistole stach Russell in Damons Brust. »Ich denke, ich werde dich erlösen. Wie würde dir das gefallen?«
    Wieder sagte Damon nichts. Er würde nicht betteln, und Russell würde sowieso machen, was er wollte. Da er alle anderen getötet hatte, würde er sicher nicht ausgerechnet ihn verschonen.
    Neugierig blickte Russell ihn an. »Mit dir hatte ich im Gefängnis nie das Vergnügen. Aber ich hab dich dort gesehen. Hältst dich von allen fern, als wärst du was Besseres. Dabei bist du auch nur ein Mörder.« Auf Damons erstaunten Blick hin grinste Russell. »Oh ja, ich hab es mir zur Aufgabe gemacht, über jeden was zu wissen. Das kann sehr hilfreich sein.« Er legte den Kopf schräg, als horchte er auf etwas. »Schade, ich würde mich ja gerne noch länger mit dir unterhalten, aber ich muss jetzt los. Willst du mitkommen?«
    Überrascht von dem Angebot starrte Damon ihn einen Moment lang nur an. Einerseits wollte er nichts lieber als hier raus, andererseits wusste er, was passieren würde, wenn sie nach ihrem Fluchtversuch wieder gefasst wurden. Auf keinen Fall
wollte er noch mehr Jahre seines Lebens hinter Gittern verschwenden. Vor allem aber würde er mit jemandem wie Russell Davis niemals gemeinsame Sache machen.
    Das Grinsen erlosch, als Damon nicht schnell genug antwortete, und ein grausamer Ausdruck erschien auf Russells Gesicht. Er presste sich enger an Damon und hielt ihm die Mündung der Pistole unters Kinn. »Um das klarzustellen: Hierbleiben bedeutet, dass ich dich erschieße. Ich lasse keine Zeugen zurück. Also, willst du sterben oder mit mir kommen?«
    »Was hättest du davon?«
    »Das frage ich mich allerdings auch langsam.« Der Druck der Pistole wurde stärker. »Die Zeit läuft ab. Ja oder nein?«
    Damon blieb keine Wahl. Er wollte nicht sterben, doch sowie er frei war, würde er sich von dem Mörder trennen. »Hast du die Schlüssel noch?« Er wackelte mit den Fingern, auch wenn der Schmerz ihn die Zähne zusammenbeißen ließ.
    »Kluge Entscheidung.« Russell griff in seine Hosentasche und holte den Schlüsselbund heraus. Mit ein wenig Recken gelang es ihm, die Handschellen aufzuschließen.
    Damons Arme fielen herunter, und der scharfe Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen. Ein Keuchen entfuhr ihm, das er sofort unterdrückte.
    »Hier, mach deine Füße selbst los.« Russell drückte ihm den Schlüsselbund in die Hand, doch er rutschte ihm aus den blutigen und gefühllosen Fingern und fiel zu Boden.
    Russell gab einen ungeduldigen Laut von sich und hob ihn wieder auf. Anschließend riss er brutal an der Kette, bis er an das Schloss der Fußschelle kam. Auf die gleiche Art verfuhr er mit dem zweiten Fuß, dann war Damon frei. Wenn er seine Arme hätte bewegen können, hätte Damon die Gelegenheit genutzt, um Russell zu überwältigen, aber so konnte er ein fach nur dastehen und hoffen, dass ihn der Mörder nicht doch noch tötete. Der packte ihn jetzt am Arm und zog ihn mit sich zum Ausgang. Als sie an dem Wachmann vorbeigingen, der immer noch bewusstlos am Boden lag, feuerte Russell einen Schuss ab.
    Damon zuckte zurück und starrte den Mann an, auf dessen Brust sich nun Blut ausbreitete. »Das war völlig unnötig, er hätte uns nicht aufhalten können!«
    Russell drehte sich zu ihm um und legte die Hand um Damons Kehle. »Ich hab dir doch gesagt, dass ich keine Zeugen zurücklasse. Wenn du damit nicht leben kannst, kann ich dir die Sache erleichtern.« An seiner Brust spürte Damon das Metall der Waffe. »Ich nehme dich nur mit, solange du dich als nützlich erweist. Solltest du das irgendwann nicht mehr sein, bist du tot. Verstanden?«
    Klar und deutlich. Allerdings würde ihn das nicht davon abhalten, bei der allerersten Gelegenheit zu verschwinden. »Ja.«
    »Gut. Und noch etwas: Wenn du versuchst, zu fliehen, knalle ich dich ab.«
Das war nicht gerade eine Neuigkeit, deshalb nickte Damon nur. Einen Moment lang blickte Russell ihn noch durchdringend an, dann schob er ihn vor sich aus dem Bus. Damon stolperte über etwas und konnte sich gerade noch auf den Beinen halten. Schwer atmend lehnte er sich an die Seite des umgestürzten Busses. Einer der Fahrer lag zusammengekrümmt am Boden, der andere war in der Fahrerkabine eingeklemmt. Ein rundes Loch zierte seine Stirn dort, wo ihn die Kugel getroffen hatte.
    »Komm jetzt endlich!« Wieder griff Russell nach seinem Arm und zog ihn mit sich.
    Ein paar Meter weiter lagen einige Kadaver von Hirschen, gegen die der Transportbus offensichtlich geprallt war.
    Russell lachte. »Ist es nicht genial, dass wir von einer Gruppe blöder Viecher gerettet wurden?«
    Damons Magen zog sich zusammen, als er erkannte, wo sie waren. Der Crescent Lake lag still im Mondschein da, genauso wie die Ranger Station. In den Fenstern einer Lodge weiter hinten am See brannte noch Licht. Normalerweise wimmelte es hier von Touristen, aber nachts war es ziemlich einsam. Russell reichte das jedoch offensichtlich nicht, denn er zog ihn weiter unter einer Unterführung durch und auf den Regenwald zu. Gleich darauf tauchten sie in das tiefdunkle Gebiet ein. Auf einem schmalen Weg entfernten sie sich weiter von der Unfallstelle, und Damon spürte, wie ihm sein Leben immer mehr entglitt.

   
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